Die Kritiken zu RGV Ki Aag ließen mich in den letzten Wochen
etwas verstört zurück. So vernichtend sie waren, so „mindblowing“ fanden alle
(auch seriöse) Kritiker Amitabh Bachchan. Ehrlich gesagt fühlte ich mich durch
diese durchweg guten Bewertungen an „Des Kaisers neue Kleider“ erinnert.
Deswegen hab ich mich in den letzten Wochen etwas mit den
Definitionen der Schauspielkunst beschäftigt, denn ich fragte mich, nach
welchen Maßstäben bewertet man denn nun wirklich einen guten Schauspieler? Ich
hoffte, dass sich das Phänomen der Einhelligkeit der Kritiker und die Frage
klären würde, ob sie Amitabh wirklich nach den Maßstäben und Definitionen der
Schauspielkunst bewertet haben oder doch seinem Status Tribut zollten.
Punkt 1: Zu Allererst macht einen guten Schauspieler aus,
dass er sich intellektuell sowie psychologisch in seine Rolle hineinversetzen
kann, alle Umstände der jeweiligen Problematik erfasst und umsetzt, auch und
gerne in eigener Interpretation. Das muss nicht immer gleichzeitig bedeuten,
dass das Publikum alles Facetten versteht (die ja meist nicht so vertraut mit
dem Stoff sind), eindeutiges Ziel ist aber schon, dass die Zuschauer „erreicht“
werden, sie den Charakter „begreifen“.
Hmm, naja, auf RGV Ki Aag bezogen muss ich sagen, zumindest
in meiner Vorstellung muss man von einem psychopathischen Gangsterboss nicht
den Eindruck gewinnen, dass er bei seinen Bewegungen einzuschlafen droht. Es
darf ihm eher nicht schwer fallen, die Augen offen zu halten, in denen sich
nicht auch nur die geringste Schärfe, Wahnsinn oder Aggression spiegeln.
Züngeln wäre für mich persönlich nicht zwangsläufig nötig gewesen, ein Popeln
in der Nase erscheint mir definitiv überflüssig. Ich kann mir nicht helfen, die
Darstellung hat doch nichts mit Method-Acting zu tun, sondern mehr mit
vielleicht angepasstem Overacting?
Punkt 2: Gutes Schauspiel bedeutet, dass ein Schauspieler
(S), eine Person (P) derart überzeugend verkörpert, dass das Publikum daran
glaubt, dass „S“ „P“ ist. Vom Charakter des Schauspielers darf nichts mehr
durchscheinen!
Das ist Amitabh natürlich mit Bravour gelungen, nichts
scheint von seiner Persönlichkeit durch. Ich glaubte ihm, dass er „P“ ist,
obwohl mir eben gleichzeitig nicht klar wurde, wer oder was „P“ den nun
verkörpert. Mir entzieht sich Ps Psychologie. Vielleicht ist ja auch hier der
subjektive Haken, den ich durchaus einräumen möchte!
Deshalb frage ich mich jetzt: Spielen bei der Bewertung der
Schauspieler BWs nicht letztendlich viele subjektive Dinge eine Rolle, Anspruchs-
und Erwartungshaltung (eigenes Verständnis), Humor, Sympathie, Wohlwollen, etc.?
Kann man überhaupt BW-Stars mit den hiesigen Regeln der
Schauspielkunst bewerten? Im kommerziellen Bollywood, wo es meist doch gerade
um das eigene Image (dass auch im Interesse des Regisseurs (Kinokasse!) gerne
durchscheinen soll!!!) und auch Overacten (aber bitte!!!) geht? Welcher
Regisseur würde Salman die Rolle eines armen unbeachteten Dichters mit
tragischem Ende nahe legen wollen oder Hrithik für eine Brechtverfilmung
casten? Und wer will das sehen? Geht es in BW nicht darum, dass den Zuschauern Werte
und Lebensweisheiten durch die Stars vermittelt werden, die speziell berühren
sollen? Und darin sind sie wirklich (fast) alle gut! Man muss nur die
jeweiligen Fans befragen.
